Alex Stolze

Musik berieselt die Welt. Sie ist immer und überall verfügbar, sagt oft zuviel und doch zu wenig. Aber gibt es überhaupt noch Orte, an denen Musik nicht stattfindet? Wo Stille herrscht, vielleicht auch Aufmerksamkeit, Empathie und die Sehnsucht nach neuen Erzählungen?

Der Violinist, Komponist und Produzent Alex Stolze hat im Vorfeld seines Albums „Outermost Edge“ nach solchen Orten gesucht. Mit einer kleinen Musikanlage, einer Autobatterie und ein paar Instrumenten.

Im Video zu „New“ sieht man ihn auf leeren oft unwirtlichen Plätzen seine Musik spielen. Am Hafen von Dover etwa, zwischen Touristenbussen und gigantischen LKWs, misstrauisch beäugt von Sicherheitsmitarbeitern. Ein paar Takte später steht Stolze mit seinem Mini-Equipment in Calais, auf jener Brache, die vor einiger Zeit als „Jungle“ durch die Medien ging. Und plötzlich sind da auch Menschen, die zu Stolzes Musik lachen, tanzen und singen. Ob es Syrer sind oder Afghanen ist schwer zu sagen, aber für einen Moment scheinen sie die hohen Zäune, den Müll und die militärisch aufgereihten Toilettenhäuschen um sich herum vergessen zu haben.

Nichts an diesen Bildern ist arrangiert. Die allgegenwärtigen Styles und Codes der Pop-Branche sind komplett abwesend. Allein die Musik erfüllt diese Nicht-Orte mit Leben.

Alex Stolze hat als Kind die strenge Geigenausbildung der DDR durchlaufen. Heute spielt er auf einer selbstgebauten fünfsaitigen Violine und mit allerlei digitalen Gerätschaften eine eigenwillige Mischung aus Elektronica, Indie-Pop und Neo-Klassik. Aufdringlich sind seine Songs nie. Eher hingehaucht, vorsichtig tastend und voller farbiger Details. Der Gesang erinnert manchmal ein wenig an die empathische Stimme von Erlend Oye: Leise ist vermutlich auch für Stolze das neue Laut.

Bis 2012 hat er noch als Teil des Berliner Trios Bodi Bill ganze Festivals zum Tanzen gebracht. Auch das zusammen mit der Künstlerin Mariechen Danz gegründete Nachfolge-Projekt Unmap setzte auf elegant-dringliche Beats und kraftvollen Electro.

Heute arbeitet der vom lauten Berlin an die ruhige polnische Grenze gezogene Musiker auch noch mit den Avant-Melancholikern von Dictaphone zusammen, sowie dem Trio Solo Collective, zu dem auch die Cellistin Anne Müller und der britische Pianist Sebastian Reynolds gehören.

Ein Kollektiv aus Solisten, zwischen Klassik, Electronica und Pop, dessen Debütalbum „Pt.1“ im November auf Stolzes Label Nonostar erschienen ist.

Nach „Mankind Animal“, einem im letzten Jahr veröffentlichten Mini-Album, ist „Outermost Edge“ nun die Premiere des Solokünstlers Alex Stolze.

Und vieles von dem, was Hörer schon früher begeistert und neugierig gemacht hat, zeigt sich hier in einer eigenwilligen Form von Schönheit. Einer Schönheit, die nicht eitel ist, die ihre Geschichten leise und eindringlich erzählt. Die Violine wird dabei oft nur gezupft, was dem Klang etwas Orientalisches verleiht. „Im Elektronischen Zeitalter droht die Geige, das älteste Instrument der westlichen Hochkultur, verloren zu gehen oder endet als Hintergrund-Berieselung“, sagt Stolze, der sich dagegen entschieden sträubt. „Das ist eine Stimme, die Geschichten erzählen kann. Deshalb wollte ich das Instrument, wie bei einer Rettungsmission, direkt zu den Menschen bringen“. Der Sound der Violine, in all seiner Vielfalt, steht tatsächlich am Anfang jedes Songs.

Was folgt, gleicht dann eher einer Reise. Mal endet sie in einem schillernd pulsierenden Techno-Track, etwa dem hypnotischen „Alkorhythmus“. Dann entblättert das Instrument seine Facetten in einem rudimentären neoklassischen Stück – der Beat ist dabei immer anwesend. Ohne jeden Imperativ, eher arabesk raffiniert. In vier Stücken kommt auch der Schlagzeuger und Theatermusiker Christian Grochau (Ex-Polarkreis 18, Woods of Birnam) zum Einsatz.

Was „Outermost Edge“ neben einer großen Komplexität und Virtuosität auszeichnet ist die Haltung hinter der Musik. Das l'art pour l'art, das man auf vielen Produktionen zwischen Neo-Klassik und ambitionierter Electronica findet, ist Stolze nicht genug: „Ich möchte darüber hinausgehen, sonst kommen genau die Inhalte zu kurz um die es in unserer Zeit geht. Wenn es überall brennt, möchte ich das nicht ausklammern und stattdessen Wohlfühlmusik machen“.

Aber wie verbindet man Kunst und Haltung? Mit wachem Interesse am Zustand der Welt und dem Schicksal der Anderen. Zusammen mit der Berliner Künstlergruppe CargoCult, zu der auch seine Frau gehört, hat Stolze sich in den letzten anderthalb Jahren verstärkt mit den Themen Migration, Nationalismus und Brexit beschäftigt.

„Als Europa im letzten Jahr zu zerfallen drohte, da hatte ich tatsächlich ein bisschen Angst. Ich habe gemerkt, dass das alles total faktisch ist und keiner mehr so richtig daran glaubt. Dabei schätze ich diese Vielfalt sehr, als ehemaliger Bürger der DDR“.

Auch deshalb wird man von „Outermost Edge“ immer wieder mit großer Selbstverständlichkeit in das Leben der Anderen hineingezogen. Eine magische Intimität sorgt dafür, dass man als Hörer tatsächlich – und sei es auch nur für einen Moment – zur Besinnung kommt. Also nachdenklich wird, offen und empfindsam.

Da ist „Serve All Loss“ – nach einem Gedicht von Yehuda Amichai und gesungen im Duett mit der in Berlin lebenden israelischen Sängerin Ofrin. Der Song erzählt die berührende Geschichte einer unmöglichen, von Verkehrsampeln illuminierten Liebe: “The traffic light … lights up her face / the rain weeps …into her pillow”.  Ein Song, so zerbrechlich wie eine Skulptur aus Glas. Und genau diese Fragilität, die sich sicher nicht ohne eine große innere Kraft herstellen lässt, ist der Reiz dieses extravaganten, aber immer verspielten Pop-Albums. Von der äußersten Kante, der „Outermost Edge“, wirft Alex Stolze einen zärtlichen Blick auf die Welt.

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